Berufseinstieg

Seit 10 Monaten habe ich vor, über diese merkwürdige Erfahrung zu berichten – jetzt endlich habe ich mal ein bisschen Zeit und Muse gefunden, es auch nieder zu schreiben.

Es geht darum, dass (manche) Arbeitnehmer ihre studierten Bewerber offenbar nicht nur für unerfahren, sondern auch noch für bescheuert halten. Oder wie interpretiert ihr das Geschehen, welches ich direkt nach dem entsprechenden Gespräch schriftlich festgehalten hatte und im Folgenden nun wiedergebe…

Ich war gerade in der Bewerbungsphase. Die Verteidigung meiner Diplomarbeit lag bereits gut ein Jahr zurück. In jenem einen Jahr direkt nach dem Studium habe ich mich blöderweise als Praktikantin und Aushilfe hinhalten lassen; zu der Festanstellung, die mir von vornherein in Aussicht gestellt wurde, kam es nicht.

Ich bewarb mich in einer Branche, die das Studiengebiet eher streifte, denn es zu berühren. Für den Job als Webentwickler benötigt man kein Studium, auch nicht wirklich eine Ausbildung, aber da mich die reine Programmierung wenig faszinierte, erhoffte ich mir ein bisschen Kreativität und war dafür bereit, beim Gehalt massive Abstriche zu machen. Blöde Entscheidung, aber darum geht es grad garnicht.

Eine der Firmen, bei der ich mich bewarb, machte von vornherein einen sympathischen Eindruck auf mich, das Bewerbungsgespräch dauerte über eine Stunde, die intensive Befragung meinerseits schien auf Interesse zu stoßen und am Ende zeigte man mir noch völlig selbstverständlich alle möglichen Räumlichkeiten und stellte mich manchen Mitarbeitern vor.

Die Aufgabe klang interessant und vielseitig, der Arbeitsplatz in einem kleinen Büro, Standardarbeitszeiten, hinreichend viele Urlaubstage, freundschaftliche  Stimmung im jungen Team. Vielleicht hätte mich die nicht vorhandene Überstundenregelung hier schon stutzig werden lassen müssen, aber die Aussicht auf Ausgleichszeit fand ich da noch akzeptabel.

Betrübt hat mich immerhin die Aussicht auf Samstagseinsätze und, ganz Besonders, das Gehalt: man bot mir einen Betrag der noch unter meinem Mindestwunsch lag (und der lag bereits weit unter dem was meiner Qualifikation entsprach). Man schlug mir einen Stufenplan vor, wo mein Mindestwunsch nach einer Weile als Endziel in Aussicht gestellt wurde. Aber mein Mindestwunsch war selbstverständlich nicht als Endziel gedacht…

Aufgrund des positiven Gefühls, das ich aus dem Vorstellungsgespräch hatte, und den weniger positiven Gefühlen in anderen Vorstellungsgesprächen, entschied ich mich, diese Stelle erst einmal anzunehmen.

Der Arbeitsvertrag wurde mir per Email zugeschickt. Und was soll ich sagen, der war mehr als inakzeptabel. Statt der besprochenen 40 Wochenstunden, standen da 48 drin. Statt Ausgleichszeit stand etwas von Mehr-, Über-, Sonntags-, Nachts- und Feiertagsarbeit drin. Ausserdem war er überraschend auf 1 Jahr befristet, davon war nie die Rede gewesen.  Zu allem Überfluss stand auch eine umfangreiche Konkurrenzschutzklausel darin – zu blöd, wenn einer der Kunden der vorige Arbeitgeber war, mit dem man zumindest noch gewisse Sympathien und Hoffnungen verband.

Telefonisch hakte ich nach, was das zu bedeuten habe. Absolut verständnislos für meine Fragen, konnte ich mit der Sekretärin immerhin einen Gesprächstermin beim Chef vereinbaren.

In der Zwischenzeit sprach ich mit einem Rechtsanwalt, was ich von diesem Arbeitsvetrag halten sollte.  Um es kurz zu machen: man riet mir vom Unterschreiben dieses Vertrages ab.

Meine letzten Hoffnungen ruhten auf dem Gesprächstermin. Dieser stellte sich als Witz heraus. Der Chef sass da mit Vertrag und Kugelschreiber und erwartete mich offenbar zur Vertragsunterzeichnung. Von einem Gespräch war nichts zu spüren.

Man empfing mich mit unterschwelligen Vorwürfen: die Personalerin sei entsetzt gewesen, dass ich mit ihr am Telefon den Vertrag Satz für Satz durchgegangen sei – was schonmal nicht der Wahrheit entsprach. Also ihr Entsetzen vielleicht schon, aber ich hatte lediglich sechs Fragen an sie gerichtet, nachdem sie mir explizit die Beantwortung von Fragen angeboten hatte.

Meine Kritikpunkte hörte er sich an, machte jedoch keinerlei Anstalten, irgendetwas davon zu meiner Zufriedenstellung zu ändern.  Mit angeblich juristischen Gründen versuchte sich der Chef herauszureden, mit zuätzlichem Verweis auf die „lächerlich kurze Kündigungsfrist“.

Weiterhin beschwerte er sich, dass alle Mitarbeiter in dieser Firma den gleichen Arbeitsvertrag unterschrieben hätten, und sich noch nie einer darüber beschwert habe. Ich sei zudem der erste Bewerber, der sich über den Vertrag „streitet“.  Als Frechheit überhaupt empfand ich ehrlichgesagt die Andeutung vom Chef, ich hätte ja wahrscheinlich schlichtweg noch nicht soviel Erfahrung mit Arbeitsverträgen und wäre deswegen so leicht durcheinanderzubringen.

Ich habe alle möglichen Antwortimpulse unterdrückt (auch den Rechtsanwalt verschwieg ich) und mir freundlich Bedenkzeit übers Wochenende erbeten. Auch da wurde er wieder ungehalten und sprach von seinem Eindruck, ich würde mich ewig nicht entscheiden können und sie hinhalten. Meinen Einwand, dass er derjenige war, der sich statt am Folgetag zu melden erst eine Woche später gemeldet hat, ignorierte er.

Sorry Chef, aber ich bin nicht Dipl.-Ing. geworden, damit ich mich für schlechte Verträge und lausiges Geld auch noch beleidigen lasse. Meine Absage per Email sah so aus:

Sehr geehrter Herr $Chef, werte Frau $Personalerin,

mit Bedauern muss ich Ihnen mitteilen, dass ich mich gegen Ihren Arbeitsvertrag entschieden habe und kurzfristig das Angebot einer anderen Firma annehmen werde.

Ich möchte mich für die Unannehmlichkeiten entschuldigen, denn normalerweise entspricht es absolut nicht meiner Art, in letzter Sekunde abzuspringen. Meine Gründe kennen Sie ja bereits: dass etwas anderes im Vertrag stand, als abgesprochen wurde, war für mich inakzeptabel.

Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen,
$Unterschrift

Zu meinem Glück überschnitten sich zu dieser Zeit zwei Jobangebote, und die andere Firma erhielt dann den Zuschlag. Das Angebot selbst riss mich zwar auch nicht unbedingt vom Hocker, aber der Arbeitsvertrag war kürzer, dafür inhaltlich rund und man war ehrlich zu mir.

Passende Spiegel-Artikel zum Thema Berufseinstieg:

  • http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,647122,00.html
  • http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,630114,00.html
Posted by Ines

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