{"id":25,"date":"2010-01-02T14:48:33","date_gmt":"2010-01-02T12:48:33","guid":{"rendered":"https:\/\/cv.fotovis.de\/?p=25"},"modified":"2010-01-02T14:55:21","modified_gmt":"2010-01-02T12:55:21","slug":"berufseinstieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/cv.fotovis.de\/?p=25","title":{"rendered":"Berufseinstieg"},"content":{"rendered":"<p><em>Seit 10 Monaten habe ich vor, \u00fcber diese merkw\u00fcrdige Erfahrung zu berichten &#8211; jetzt endlich habe ich mal ein bisschen Zeit und Muse gefunden, es auch nieder zu schreiben.<\/em><\/p>\n<p><em>Es geht darum, dass (manche) Arbeitnehmer ihre studierten Bewerber offenbar nicht nur f\u00fcr unerfahren, sondern auch noch f\u00fcr bescheuert halten. Oder wie interpretiert ihr das Geschehen, welches ich direkt nach dem entsprechenden Gespr\u00e4ch schriftlich festgehalten hatte und im Folgenden nun wiedergebe&#8230;<\/em><\/p>\n<p>Ich war gerade in der Bewerbungsphase. Die Verteidigung meiner Diplomarbeit lag bereits gut ein Jahr zur\u00fcck. In jenem einen Jahr direkt nach dem Studium habe ich mich bl\u00f6derweise als Praktikantin und Aushilfe hinhalten lassen; zu der Festanstellung, die mir von vornherein in Aussicht gestellt wurde, kam es nicht.<\/p>\n<p><!--more-->Ich bewarb mich in einer Branche, die das Studiengebiet eher streifte, denn es zu ber\u00fchren. F\u00fcr den Job als Webentwickler ben\u00f6tigt man kein Studium, auch nicht wirklich eine Ausbildung, aber da mich die reine Programmierung wenig faszinierte, erhoffte ich mir ein bisschen Kreativit\u00e4t und war daf\u00fcr bereit, beim Gehalt massive Abstriche zu machen. Bl\u00f6de Entscheidung, aber darum geht es grad garnicht.<\/p>\n<p>Eine der Firmen, bei der ich mich bewarb, machte von vornherein einen sympathischen Eindruck auf mich, das Bewerbungsgespr\u00e4ch dauerte \u00fcber eine Stunde, die intensive Befragung meinerseits schien auf Interesse zu sto\u00dfen und am Ende zeigte man mir noch v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich alle m\u00f6glichen R\u00e4umlichkeiten und stellte mich manchen Mitarbeitern vor.<\/p>\n<p>Die Aufgabe klang interessant und vielseitig, der Arbeitsplatz in einem kleinen B\u00fcro, Standardarbeitszeiten, hinreichend viele Urlaubstage, freundschaftliche\u00a0 Stimmung im jungen Team. Vielleicht h\u00e4tte mich die nicht vorhandene \u00dcberstundenregelung hier schon stutzig werden lassen m\u00fcssen, aber die Aussicht auf Ausgleichszeit fand ich da noch akzeptabel.<\/p>\n<p>Betr\u00fcbt hat mich immerhin die Aussicht auf Samstagseins\u00e4tze und, ganz Besonders, das Gehalt: man bot mir einen Betrag der noch unter meinem Mindestwunsch lag (und der lag bereits weit unter dem was meiner Qualifikation entsprach). Man schlug mir einen Stufenplan vor, wo mein Mindestwunsch nach einer Weile als Endziel in Aussicht gestellt wurde. Aber mein Mindestwunsch war selbstverst\u00e4ndlich nicht als Endziel gedacht&#8230;<\/p>\n<p>Aufgrund des positiven Gef\u00fchls, das ich aus dem Vorstellungsgespr\u00e4ch hatte, und den weniger positiven Gef\u00fchlen in anderen Vorstellungsgespr\u00e4chen, entschied ich mich, diese Stelle erst einmal anzunehmen.<\/p>\n<p>Der Arbeitsvertrag wurde mir per Email zugeschickt. Und was soll ich sagen, der war mehr als inakzeptabel. Statt der besprochenen 40 Wochenstunden, standen da 48 drin. Statt Ausgleichszeit stand etwas von Mehr-, \u00dcber-, Sonntags-, Nachts- und Feiertagsarbeit drin. Ausserdem war er \u00fcberraschend auf 1 Jahr befristet, davon war nie die Rede gewesen.\u00a0 Zu allem \u00dcberfluss stand auch eine umfangreiche Konkurrenzschutzklausel darin &#8211; zu bl\u00f6d, wenn einer der Kunden der vorige Arbeitgeber war, mit dem man zumindest noch gewisse Sympathien und Hoffnungen verband.<\/p>\n<p>Telefonisch hakte ich nach, was das zu bedeuten habe. Absolut verst\u00e4ndnislos f\u00fcr meine Fragen, konnte ich mit der Sekret\u00e4rin immerhin einen Gespr\u00e4chstermin beim Chef vereinbaren.<\/p>\n<p>In der Zwischenzeit sprach ich mit einem Rechtsanwalt, was ich von diesem Arbeitsvetrag halten sollte.\u00a0 Um es kurz zu machen: man riet mir vom Unterschreiben dieses Vertrages ab.<\/p>\n<p>Meine letzten Hoffnungen ruhten auf dem Gespr\u00e4chstermin. Dieser stellte sich als Witz heraus. Der Chef sass da mit Vertrag und Kugelschreiber und erwartete mich offenbar zur Vertragsunterzeichnung. Von einem Gespr\u00e4ch war nichts zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Man empfing mich mit unterschwelligen Vorw\u00fcrfen: die Personalerin sei entsetzt gewesen, dass ich mit ihr am Telefon den Vertrag Satz f\u00fcr Satz durchgegangen sei &#8211; was schonmal nicht der Wahrheit entsprach. Also ihr Entsetzen vielleicht schon, aber ich hatte lediglich sechs Fragen an sie gerichtet, nachdem sie mir explizit die Beantwortung von Fragen angeboten hatte.<\/p>\n<p>Meine Kritikpunkte h\u00f6rte er sich an, machte jedoch keinerlei Anstalten, irgendetwas davon zu meiner Zufriedenstellung zu \u00e4ndern.\u00a0 Mit angeblich juristischen Gr\u00fcnden versuchte sich der Chef herauszureden, mit zu\u00e4tzlichem Verweis auf die &#8222;l\u00e4cherlich kurze K\u00fcndigungsfrist&#8220;.<\/p>\n<p>Weiterhin beschwerte er sich, dass alle Mitarbeiter in dieser Firma den gleichen Arbeitsvertrag unterschrieben h\u00e4tten, und sich noch nie einer dar\u00fcber beschwert habe. Ich sei zudem der erste Bewerber, der sich \u00fcber den Vertrag &#8222;streitet&#8220;.\u00a0 <strong>Als Frechheit \u00fcberhaupt empfand ich ehrlichgesagt die Andeutung vom Chef, ich h\u00e4tte ja wahrscheinlich schlichtweg noch nicht soviel Erfahrung mit Arbeitsvertr\u00e4gen und w\u00e4re deswegen so leicht durcheinanderzubringen.<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe alle m\u00f6glichen Antwortimpulse unterdr\u00fcckt (auch den Rechtsanwalt verschwieg ich) und mir freundlich Bedenkzeit \u00fcbers Wochenende erbeten. Auch da wurde er wieder ungehalten und sprach von seinem Eindruck, ich w\u00fcrde mich ewig nicht entscheiden k\u00f6nnen und sie hinhalten. Meinen Einwand, dass er derjenige war, der sich statt am Folgetag zu melden erst eine Woche sp\u00e4ter gemeldet hat, ignorierte er.<\/p>\n<p>Sorry Chef, aber ich bin nicht Dipl.-Ing. geworden, damit ich mich f\u00fcr schlechte Vertr\u00e4ge und lausiges Geld auch noch beleidigen lasse. Meine Absage per Email sah so aus:<\/p>\n<blockquote><p>Sehr geehrter Herr $Chef, werte Frau $Personalerin,<\/p>\n<p>mit Bedauern muss ich Ihnen mitteilen, dass ich mich gegen Ihren Arbeitsvertrag entschieden habe und kurzfristig das Angebot einer anderen Firma annehmen werde.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte mich f\u00fcr die Unannehmlichkeiten entschuldigen, denn normalerweise entspricht es absolut nicht meiner Art, in letzter Sekunde abzuspringen. Meine Gr\u00fcnde kennen Sie ja bereits: dass etwas anderes im Vertrag stand, als abgesprochen wurde, war f\u00fcr mich inakzeptabel.<\/p>\n<p>Ich verbleibe mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen,<br \/>\n$Unterschrift<\/p><\/blockquote>\n<p>Zu meinem Gl\u00fcck \u00fcberschnitten sich zu dieser Zeit zwei Jobangebote, und die andere Firma erhielt dann den Zuschlag. Das Angebot selbst riss mich zwar auch nicht unbedingt vom Hocker, aber der Arbeitsvertrag war k\u00fcrzer, daf\u00fcr inhaltlich rund und man war ehrlich zu mir.<\/p>\n<p>Passende Spiegel-Artikel zum Thema Berufseinstieg:<\/p>\n<ul>\n<li>http:\/\/www.spiegel.de\/unispiegel\/jobundberuf\/0,1518,647122,00.html<\/li>\n<li>http:\/\/www.spiegel.de\/unispiegel\/jobundberuf\/0,1518,630114,00.html<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 10 Monaten habe ich vor, \u00fcber diese merkw\u00fcrdige Erfahrung zu berichten &#8211; jetzt endlich habe ich mal ein bisschen Zeit und Muse gefunden, es auch nieder zu schreiben. Es geht darum, dass (manche) Arbeitnehmer ihre studierten Bewerber offenbar nicht nur f\u00fcr unerfahren, sondern auch noch f\u00fcr bescheuert halten. 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